{"id":6089,"date":"2026-05-02T16:43:45","date_gmt":"2026-05-02T16:43:45","guid":{"rendered":"https:\/\/allesgut.hr\/?p=6089"},"modified":"2026-05-04T22:40:50","modified_gmt":"2026-05-04T22:40:50","slug":"wenn-die-sprueche-kippen-warum-ich-meine-grenzen-in-der-gastfreundschaft-neu-ziehen-musste","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/allesgut.hr\/de\/wenn-die-sprueche-kippen-warum-ich-meine-grenzen-in-der-gastfreundschaft-neu-ziehen-musste\/","title":{"rendered":"Wenn die Spr\u00fcche kippen:"},"content":{"rendered":"\n<h2><strong>Warum meine Rolle als \u00dcbersetzerin und Gastgeberin immer ein Pr\u00fcfstein f\u00fcr meine Werte ist<\/strong> und ich meine Grenzen neu ziehen musste<\/h2>\n\n\n\n<p>Ich lebe in Kroatien, das au\u00dfer der sch\u00f6nen K\u00fcste vor allem f\u00fcr seine Gastfreundschaft bekannt ist. Als <strong>beeidigte (vereidigte) \u00dcbersetzerin und Dolmetscherin f\u00fcr Deutsch-Kroatisch<\/strong> arbeite ich mit Menschen, die hier investieren, Urlaub machen oder sich ein neues Leben aufbauen \u2013 und \u00f6ffne ihnen privat wie beruflich meine T\u00fcr. <\/p>\n\n\n\n<p>Und wie so viele in Dalmatien vermiete ich eine Ferienunterkunft an Touristen. Sprache ist mein Beruf, Gastfreundschaft mein Alltag: an meinem Tisch sitzen Menschen aus unterschiedlichsten L\u00e4ndern, in meinen Texten begegnen sich Rechtsordnungen, Kulturen und Lebensentw\u00fcrfe.<\/p>\n\n\n\n<p>Lange war f\u00fcr mich klar: Eine gute Gastgeberin h\u00e4lt viel aus. Doch je \u00f6fter Spr\u00fcche kippen desto deutlicher wird mir: Ich muss meine Grenzen in der Gastfreundschaft neu ziehen.<\/p>\n\n\n\n<h4>Welche \u201aSpr\u00fcche\u2018 muss ein gastfreundlicher Mensch ertragen \u2013 und wo f\u00e4ngt Selbstschutz an?<\/h4>\n\n\n\n<p>Am Anfang sind da freundliche Begegnungen, zuverl\u00e4ssige G\u00e4ste und Kunden, korrekte Zahlungen. Es kommt zu Gespr\u00e4chen, Treffen, Bekanntschaften, die sich richtig anf\u00fchlen. Es entsteht eine gewisse N\u00e4he und manchmal sogar Freundschaft.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin dankbar, die Gespr\u00e4che sind zun\u00e4chst leicht und sehr herzlich. Doch immer \u00f6fter kippt die Atmosph\u00e4re. Je mehr Zeit wir miteinander verbringen, desto mehr ver\u00e4ndern sich die Themen. <strong>Pl\u00f6tzlich geht es st\u00e4ndig um Politik<\/strong>: darum, wie \u201eschlimm\u201c alles in Deutschland ist, um \u201edie unf\u00e4higen Politiker\u201c, um \u201edie Ausl\u00e4nder\u201c etc. Aus gelegentlichen Bemerkungen werden Dauerkommentare. Die Witze werden gr\u00f6ber, die Spitzen sch\u00e4rfer, der Ton selbstverst\u00e4ndlicher.<\/p>\n\n\n\n<p>An einem Abend im Restaurant wurde mir das besonders deutlich. Ich hatte unsere G\u00e4ste \u2013 ein homosexuelles Paar \u2013 freundlich am Nebentisch begr\u00fc\u00dft, kurz mit ihnen gesprochen und mich dann wieder zu unserer deutschsprachigen Runde gesetzt. Kaum waren sie au\u00dfer Sichtweite, folgten ein ver\u00e4chtlicher Blick hinterher und ein Schwulenwitz. Zuvor war schon der \u201eHitler\u2011Geburtstag\u201c Thema gewesen. Mir schoss nur ein Gedanke durch den Kopf: Was w\u00e4re, wenn sie das geh\u00f6rt h\u00e4tten? <strong>Was sagt das \u00fcber mich als Gastgeberin, wenn solche Spr\u00fcche an meinem Tisch fallen?<\/strong> Ich sp\u00fcrte, wie mir hei\u00df und kalt wurde. Gastfreundschaft und Scham sa\u00dfen gleichzeitig mit mir am Tisch.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht dabei nicht um \u201eandere Meinungen\u201c, sondern um pauschale Verspottung, Abwertung und das L\u00e4cherlichmachen von ganzen Menschengruppen unter Missachtung ihrer Lebensrealit\u00e4t. Wenn gegen Menschen mit sichtbarer oder zugeschriebener Migrationsgeschichte und Minderheiten gesprochen wird, dann ist das <strong>f\u00fcr mich nicht abstrakt, sondern biografisch<\/strong>.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich war <strong>mein ganzes Leben \u201eAusl\u00e4nderin\u201c<\/strong> \u2013 als Kroatin in \u00d6sterreich und Deutschland, jetzt als deutschsprachige Kroatin in Kroatien. Wenn jemand \u00fcber Ausl\u00e4nder schimpft, dann spricht er immer auch \u00fcber Menschen wie mich. Wenn jemand \u201eSpa\u00df\u201c \u00fcber Schwule macht, w\u00e4hrend ein homosexuelles P\u00e4rchen, meine G\u00e4ste, eben noch am Nebentisch sa\u00dfen, dann geht es nicht nur um irgendeine Gruppe, sondern um konkrete Menschen, denen ich gerade ein Zimmer, ein L\u00e4cheln und ein Gef\u00fchl von Sicherheit gegeben habe. Und wenn jemand lachend erz\u00e4hlt, dass er den \u201eGeburtstag von Adolf Hitler\u201c feiert, dann ber\u00fchrt das nicht nur Geschichte, sondern die Frage, wie ernst es dieser Person mit Menschenw\u00fcrde und Gewaltfreiheit wirklich ist, zumal unserer Gro\u00dfeltern und auch Eltern und so viele Menschen massiv betroffen waren. Die Gro\u00dfmutter meines Mannes wurde aus Kroatien in ein Arbeitslager in Deutschland verfrachtet. Sie kam erst nach Jahren lebend zur\u00fcck und konnte \u00fcber die Zeit nie sprechen. Die erste Frau und der Sohn meines Gro\u00dfvaters wurden aus Kroatien deportiert. Seinen Sohn hat er erst nach 30 Jahren wieder gesehen, seine Frau nie wieder.<\/p>\n\n\n\n<h4><strong>Wenn aus Kritik Deutschland\u2011Bashing wird<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p>Wer aus Deutschland nach Dalmatien kommt, bringt oft zwei Dinge mit: gute Laune \u2013 und schlechte Nachrichten. \u201e<strong>Deutschland geht den Bach runter<\/strong>\u201c, \u201eAlles wird teurer\u201c, \u201eDie Politik ist unf\u00e4hig\u201c \u2013 kaum ein Treffen, an dem nicht ausf\u00fchrlich \u00fcber die Lage in der Heimat geklagt wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich verstehe das Bed\u00fcrfnis, Dampf abzulassen. Aber irgendwann habe ich gemerkt: Diese st\u00e4ndige Negativspirale macht etwas mit mir. Ich lebe in Kroatien \u2013 einem Land, das wirtschaftlich und politisch der Bundesrepublik erwiesenerma\u00dfen immer nachhinkt. Und ich sitze hier ja auch nicht im Dauermodus und lasse kein gutes Haar an Kroatien.<\/p>\n\n\n\n<p>Kroatien ist kein \u201eParadies ohne Probleme\u201c, sondern ein Land im Aufholprozess, das gerade eine Phase relativen Aufschwungs erlebt \u2013 bei nach wie vor deutlich niedrigerem Wohlstandsniveau. Wenn man die Kennzahlen nebeneinanderlegt, wirkt dieses Draufhauen oder Deutschland\u2011Bashing wie \u201eJammern auf hohem Niveau\u201c. Nicht, weil die Probleme nicht real w\u00e4ren, sondern weil oft der Vergleichsma\u00dfstab fehlt.<\/p>\n\n\n\n<p>Kurz gesagt: Die Sorgen in Deutschland sind real \u2013 aber sie spielen auf einem Niveau, von dem viele andere L\u00e4nder, Kroatien eingeschlossen, immer noch nur tr\u00e4umen. Es hilft niemandem, wenn man aus deutscher Perspektive sagt: \u201eBei euch ist doch alles so entspannt und immer noch g\u00fcnstiger\u201c, als w\u00e4re damit alles erkl\u00e4rt. Wie hat eine Deutsche, die wie ich auf der Insel Bra\u010d lebt, es formuliert: \u201eDass ich hier lebe, heisst aber nicht, dass mir immer die Sonne aus dem A&#8230;. scheint!<\/p>\n\n\n\n<p>Mir geht es nicht darum, die Kritik an Deutschland kleinzureden. Ich m\u00f6chte nur sagen, dass es mich manchmal trifft, wenn so getan wird, als w\u00e4re die Lage dort hoffnungslos, w\u00e4hrend ich in einem Land lebe, das wirtschaftlich insgesamt deutlich schlechter dasteht. <\/p>\n\n\n\n<p>Besonders irritierend ist es f\u00fcr mich, wenn gerade <strong>R\u00fcckkehrer oder Einwanderer aus Deutschland<\/strong>  \u2013 also Menschen mit eigener Migrationsgeschichte \u2013 sich als \u201ebessere\u201c Migranten inszenieren und sich abf\u00e4llig \u00fcber das jeweilige Land \u2013 Deutschland oder Kroatien &#8211; und andere Migrantengruppen \u00e4u\u00dfern. Dann wird nicht nur ein Land schlechtgeredet, sondern es entstehen neue Hierarchien unter Menschen mit Migrationserfahrungen: die \u201eguten\u201c und die \u201eschlechten\u201c Ausl\u00e4nder, die \u201eangepassten\u201c und die angeblich \u201eproblematischen\u201c. Das widerspricht allem, was demokratische Werte und Gastfreundschaft f\u00fcr mich bedeuten.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch hier merke ich: Es gibt eine Grenze. Ich kann Verst\u00e4ndnis f\u00fcr Frust und Entt\u00e4uschung haben \u2013 aber ich muss nicht schweigend daneben sitzen, wenn aus pers\u00f6nlichen Erfahrungen eine B\u00fchne f\u00fcr pauschale Abwertung wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht mir nicht darum, Probleme zu ignorieren oder ernst gemeinte Sorgen kleinzureden. Ich nehme die Herausforderungen in Deutschland, in Kroatien, \u00fcberall sehr ernst \u2013 steigende Lebenshaltungskosten, politische Unsicherheiten, gesellschaftliche Spannungen, Kriege und Lieferkettenunterbrechungen sind real. <strong>Der Unterschied liegt nicht im Thema, sondern im Ton<\/strong>: Sachliche Kritik benennt konkrete Probleme und sucht nach L\u00f6sungen. Pauschales Bashing macht ein ganzes Land, eine ganze Gruppe zur Zielscheibe \u2013 ohne Differenzierung, ohne Respekt, ohne den Willen zur Verbesserung. Genau diese Grenze ziehe ich.<\/p>\n\n\n\n<p>Ob sich der Spott gegen \u201edie Ausl\u00e4nder\u201c, \u201edie Schwulen\u201c, \u201eDeutschland\u201c oder \u201eKroatien\u201c richtet: Die Mechanik dahinter ist die gleiche. Und meine Grenze auch.<\/p>\n\n\n\n<h4><strong>Werte und Gastfreundschaft sch\u00fctzen<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p>Ich habe oft versucht, es anzusprechen. Ich sagte, dass ich \u00fcber Politik lieber nicht reden m\u00f6chte. Ich erkl\u00e4rte, dass ich diese Spr\u00fcche unlustig finde, dass ich anderer Meinung bin, dass ich mir andere Themen w\u00fcnsche.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Reaktion? Ein L\u00e4cheln, ein \u201eJa, <strong>wir wollen ja gar nicht politisieren<\/strong>\u201c \u2013 und kurz darauf ging es genau an der gleichen Stelle weiter. Dieser Satz wurde zur ironischen Einleitung f\u00fcr das Gegenteil dessen, worum ich gebeten hatte. <\/p>\n\n\n\n<p>Mir wurde klar: Es geht nicht mehr darum, dass ich mich nicht klar ausdr\u00fccke. Es geht darum, dass Grenzen nicht ernst genommen werden.<\/p>\n\n\n\n<p>In solchen Momenten habe ich gemerkt, wie sehr mich meine eigenen demokratischen Werte tats\u00e4chlich leiten \u2013 und wie schmerzhaft es ist, wenn sie ins L\u00e4cherliche gezogen werden. Im Kern reagieren demokratische Grundhaltungen auf die Erfahrung, was passiert, wenn Macht unkontrolliert ist und bestimmte Gruppen entmenschlicht werden \u2013 etwa in Diktaturen oder totalit\u00e4ren Regimen.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr mich lassen sich demokratische Grundwerte so zusammenfassen: Wir Menschen haben alle den gleichen Wert, deshalb sch\u00fctzen wir die W\u00fcrde und Rechte aller. Gerade auch von Minderheiten, sie werden nicht einfach \u00fcberstimmt und fertig. Demokratie bedeutet gleiche Gesetze, unabh\u00e4ngige Gerichte und eine vielf\u00e4ltige, tolerante Gesellschaft. Toleranz&nbsp;ist dabei kein Freibrief, mit dem wir alles durchgehen lassen. Probleme werden ernst genommen, wobei Recht und Ordnung eingehalten werden \u2013 aber sie gelten eben f\u00fcr alle gleicherma\u00dfen, ohne dass einzelne Gruppen pauschal zum S\u00fcndenbock werden. Daf\u00fcr f\u00fchlen wir uns verantwortlich, mischen uns ein und sorgen gemeinsam daf\u00fcr, dass niemand zur Zielscheibe von Spott, Hass oder Willk\u00fcr wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Werte sind f\u00fcr mich <strong>keine abstrakten Schlagworte, sondern eine Art innerer Kompass<\/strong>. Sie helfen mir zu entscheiden, wie ich sprechen m\u00f6chte, wie ich Gastgeberin sein will, mit wem ich meine Zeit verbringe. Es hei\u00dft f\u00fcr mich auch, mich aus respektlosen Umfeldern zur\u00fcckzuziehen, in denen sich abwertende Spr\u00fcche st\u00e4ndig wiederholen.<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;Ich kann nicht glaubw\u00fcrdig Menschen willkommen hei\u00dfen und gleichzeitig kommentarlos daneben sitzen, wenn andere in meiner N\u00e4he ihre W\u00fcrde zur Lachnummer machen.<\/p>\n\n\n\n<p>Besonders in meinem beruflichen Umfeld \u2013 Immobilien, Tourismus, Beratung \u2013 ist es verlockend, aus Gesch\u00e4ftsinteresse zu schweigen. Ich habe aber verstanden: Ich muss nicht &#8218;mitspielen&#8216;, nur weil andere sich wegducken. Es ist in Ordnung, aus diesem Setting bewusst einen Schritt zur\u00fcckzugehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als \u00dcbersetzerin bewege ich mich t\u00e4glich in Texten, in denen Menschenw\u00fcrde, Gleichbehandlung und Rechtsstaatlichkeit nicht nur Worte, sondern Rechtsbegriffe sind. Vertr\u00e4ge, Urteile, Verwaltungsakte \u2013 sie alle setzen voraus, dass alle Menschen vor dem Gesetz gleich sind und dass Sprache niemanden entmenschlicht. Ich kann diese berufliche Haltung nicht einfach ablegen, wenn ich G\u00e4ste empfange und mit Freunden und Bekannten an einem Tisch sitze. F\u00fcr mich geh\u00f6ren <strong>sprachliche Pr\u00e4zision<\/strong> und<strong> respektvolle Gastfreundschaft<\/strong> zusammen: Worte k\u00f6nnen Br\u00fccken bauen \u2013 oder Mauern.<\/p>\n\n\n\n<h4>Warum <strong>manche demokratische Grundhaltungen l\u00e4cherlich machen<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p>Ich beobachte, dass demokratische Werte oft dann verspottet werden, wenn sie autorit\u00e4re W\u00fcnsche und einfache Feindbilder ausbremsen. Menschenrechte verhindern, dass man \u201eeinfach hart durchgreift\u201c gegen Minderheiten oder \u201edie da oben\u201c. Rechtsstaatlichkeit und unabh\u00e4ngige Medien behindern die Fantasie eines \u201estarken F\u00fchrers\u201c, der alles allein richtet. Pluralismus und Minderheitenschutz widersprechen der Sehnsucht nach einer homogenen, \u201ereinen\u201c Nation. Deshalb werden demokratische Haltungen gern als \u201eweich\u201c, \u201enaiv\u201c oder \u201elinks\u2011gutmenschelnd\u201c verspottet \u2013 um sie zu delegitimieren und ausgrenzende L\u00f6sungen attraktiver erscheinen zu lassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn jemand Hitler\u2011\u201eGeburtstage\u201c feiert oder homophobe Witze macht, stellt er implizit das Gegenteil demokratischer Grundhaltungen in den Raum: Nicht alle sind gleich viel wert, manche sind Witzfigur oder Feindbild. Die Verbrechen eines Regimes, das Demokratie und Menschenrechte abschaffen wollte, werden ins L\u00e4cherliche gezogen. Demokratische Erinnerungskultur \u2013 dieses leise \u201eNie wieder\u201c \u2013 ist f\u00fcr solche Leute st\u00f6rend, weil sie daran erinnert, wozu Entmenschlichung und Hass f\u00fchren. Also macht man sie l\u00e4cherlich oder nennt sie \u201e<strong>Empfindlichkeit<\/strong>\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Demokratie ist au\u00dferdem langsam, m\u00fchsam, voller Kompromisse. In Krisen wirkt das unattraktiv. Manche f\u00fchlen sich \u00fcberfordert und abgeh\u00e4ngt; dann sind klare Feindbilder \u2013 \u201eAusl\u00e4nder\u201c, \u201edie Gr\u00fcnen\u201c, \u201eGender\u201c \u2013 verf\u00fchrerisch. Wer diese Feindbilder anbietet, stellt demokratische Grundhaltungen (\u201ealle Menschen sind gleich viel wert\u201c, \u201eMinderheiten werden gesch\u00fctzt\u201c) als weltfremd dar. In manchen Gruppen ist es sogar \u201ecool\u201c, \u00fcber Demokratie, Menschenrechte und Minderheiten zu spotten. Abwertende Witze st\u00e4rken die Gruppenbindung \u201ewir gegen die anderen\u201c. <\/p>\n\n\n\n<p>Wer widerspricht, st\u00f6rt die Stimmung und wird schnell als humorlos, empfindlich oder \u201e<strong>Spa\u00dfbremse<\/strong>\u201c markiert. Damit sch\u00fctzt sich die Gruppe selbst vor Kritik \u2013 auf Kosten derjenigen, die demokratische Haltungen ernst nehmen.<\/p>\n\n\n\n<h4>Meine Grenze in der Gastfreundschaft<\/h4>\n\n\n\n<p>Ich habe lange versucht, diese Spannung auszuhalten: die Wertsch\u00e4tzung f\u00fcr manches an Bekanntschaften und die zunehmende Abwehr gegen kippende Spr\u00fcche; das Bild des gastfreundlichen, toleranten Umfelds und das innere Zusammenzucken bei jeder neuen Bemerkung. <\/p>\n\n\n\n<p>Irgendwann habe ich verstanden: Meine Aufgabe ist es nicht, alle Beziehungen zu retten oder jede Stimmung zu tragen. Ich darf f\u00fcr meine Werte, mein Umfeld und mein Wohlbefinden gut sorgen. F\u00fcr mich bedeutete das konkret: Ich ziehe mich aus solchen Runden zur\u00fcck. Ich setze mich nicht mehr an Tische, an denen Menschenw\u00fcrde zum Witzspott wird. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich muss mich nicht als stilles Publikum daneben setzen, wenn Spr\u00fcche fallen, die allem widersprechen, woran ich glaube. Ich darf sagen: \u201eIch wei\u00df, du meinst es vielleicht locker, aber f\u00fcr mich ist das kein lustiges Thema.\u201c Oder: \u201eIch verstehe, dass du das anders siehst. F\u00fcr mich ist es trotzdem eine Grenze.\u201c Ich darf erinnern: \u201eIch bin ein gastfreundlicher Mensch, und gerade deshalb haben abwertende Spr\u00fcche in meinem Leben keinen Platz.\u201c Und ich darf klar sagen: \u201eIch wei\u00df, dass du dar\u00fcber gern reden m\u00f6chtest. Ich bleibe dabei: F\u00fcr mich ist das kein Thema mehr f\u00fcr unsere Treffen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Gastfreundschaft hei\u00dft f\u00fcr mich heute etwas anderes als fr\u00fcher. Sie hei\u00dft nicht mehr: alles schlucken, um die Stimmung nicht zu st\u00f6ren.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Spr\u00fcche, die ich beschrieben habe, sind f\u00fcr mich nicht einfach \u201agekippte Meinungen\u2018, sondern ein Indikator daf\u00fcr, wie ernst jemand es mit Respekt, Demokratie und Menschlichkeit meint. Meine Grenzen in der Gastfreundschaft neu zu ziehen, war deshalb keine Laune, sondern eine Notwendigkeit. Ich kann nur dann wirklich offen sein f\u00fcr andere, wenn ich mich selbst nicht st\u00e4ndig \u00fcbergehe. Wer mit mir zusammenarbeitet oder bei mir zu Gast ist, soll wissen: <strong>Gastfreundschaft hei\u00dft bei mir, einen Raum zu schaffen, in dem Sprache niemanden zur Zielscheibe macht<\/strong> \u2013 auch dann nicht, wenn die Betroffenen gerade nicht im Raum sind.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kroatische Gastfreundschaft ohne Grenzverletzung: Warum ich nicht mehr schweige, wenn Spr\u00fcche kippen. 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