Kroatien - Fakten und Hintergründe

Kroatiens Wasserwunder und Abwasserlücken: Ein Blick von der Insel Brač

Als Inselbewohnerin und Übersetzerin auf Brač erlebe ich immer wieder, wie wenig über die tatsächliche Wasser‑ und Umweltlage in Kroatien bekannt ist. Genau deshalb möchte ich hier einige Fakten und Hintergründe teilen.

Dalmatien: Wasserreiches Paradies mit Spitzenwerten

Dalmatien ist reich an Wasser – kristallklare Flüsse, saubere Quellen, eines der saubersten und optisch eindruckvollsten Meere Europas. Laut Eurostat‑Angaben verfügt Kroatien über durchschnittlich rund 30.700 Kubikmeter erneuerbare Wasserressourcen pro Einwohner und Jahr und liegt damit in der EU auf Platz 1.

In vielen Ranglisten zu erneuerbaren Süßwasserressourcen pro Kopf liegt Kroatien VOR dicht besiedelten und stark industrialisierten Ländern wie Deutschland, weil dort viel mehr Menschen auf vergleichsweise begrenzte Wasserressourcen kommen.

Österreich hat dank seiner Alpenlage ebenfalls sehr hohe Wasserverfügbarkeit und gehört wie Kroatien zur Spitzengruppe, während Deutschland eher im Mittelfeld liegt; für die Schweiz gelten ähnlich hohe Werte wie für Österreich, aber sie ist in EU‑Statistiken nicht immer enthalten.

Kroatiens Badegewässer: Fast perfekt – laut Statistik

Außerdem wird Kroatien regelmäßig für seine sehr gute Badegewässerqualität ausgezeichnet: In aktuellen EU‑Berichten erreicht Kroatien einen der höchsten Anteile an Küstenbadeorten mit „ausgezeichneter“ Wasserqualität in Europa (nahe 99%).

https://www.merkur.de/welt/neues-eu-ranking-kroatiens-badewasser-gehoert-zu-den-besten-europas-93853483.html

Gleichzeitig ist spannend: Obwohl Kroatien so wasserreich ist und exzellente Badegewässerqualität hat, hinkt das Land bei der Abwasserinfrastruktur hinterher. Die Adria scheint schöner als je zuvor – und steht gleichzeitig unter wachsendem Druck. Täglich gelangen Stoffe wie Desinfektionsmittel, Fette und Öle aus Fettabscheidern unserer Küchen, ölhaltige Reinigungsmittel oder Flüssigwaschmittel ins Abwasser – Stoffe, die weder wir noch unsere Umwelt wirklich brauchen.
Warum ist das Meer vor unserer Küste, in das wir und unsere Gäste jeden Sommer eintauchen, zunehmend belastet?

Warum trotz sauberem Meer die Abwasserfrage drängt

Unter anderem wegen späterem EU‑Beitritt, geringerer Finanzkraft und komplexer Siedlungsstruktur. Das heißt: viel natürlicher Wasserreichtum, aber noch Nachholbedarf bei den „Rohren und Kläranlagen“, um auf das technische Niveau von Deutschland, Österreich und der Schweiz zu kommen.

Etwa 80% des kommunalen Abwassers in Kroatien werden vor der Einleitung in die Umwelt zumindest irgendwie behandelt, allerdings mit sehr unterschiedlichen Reinigungsgraden.

Alltag mit mechanischer Reinigung in Split und auf Brač

Beispielsweise wird aktuell das Abwasser aus Split im Wesentlichen nur mechanisch vorgereinigt und dann beim Strand Bačvice über einen Unterwasserauslass weit hinaus in den sogenannten Brač-Kanal geleitet. Genau deshalb wird jetzt eine biologische Kläranlage gebaut bzw. erweitert.

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Strand_Bacvice_in_Split,Kroatien%2848608740097%29.jpg

Typische Realität in vielen kroatischen Inselorten ohne Kläranlage wie bei mir in Selca auf der Insel Brač: Haushaltsabwässer (Küche, Bad, Waschmaschine) werden über einfache Leitungen in alte Sicker- und Mehrkammergruben oder wie anno dazumals einfach in nahe gelegene Karstspalten geleitet.
Die Küstenorte Povlja und Sumartin, die auch zur Gemeinde Selca gehören, haben eine rein mechanische Kläranlage, die Abwässer werden wie in Split weitab der Hafen- und Badezonen ins Meer eingeleitet.

Strand in Sumartin auf der Insel Brač mit Bergmassiv Biokovo im Hintergrund
Foto von https://allesgut.hr/

Währenddessen wird Abwasser in der DACH-Region praktisch flächendeckend biologisch und zu großen Teilen zusätzlich chemisch gereinigt; mechanische Reinigung allein ist nur die erste Stufe und kommt fast nie ohne nachfolgende biologische Stufe vor.

Nur rund 43% der Bevölkerung Kroatiens sind überhaupt an ein System angeschlossen, das Abwasser zumindest teilweise klärt, womit Kroatien beim Kläranlagenanschluss Schlusslicht in der EU ist.

Wo Kroatien bei der Abwasser-Richtlinie hinterherhinkt

Die Urban Waste Water Treatment Directive (UWWTD) ist die EU‑Richtlinie zur Behandlung von städtischem Abwasser: Sie verlangt, dass Abwässer aus Städten gesammelt und in Kläranlagen so gereinigt werden, dass Flüsse, Seen und Meere möglichst wenig belastet werden. Einfach gesagt: Die UWWTD regelt, wie Europa sein Abwasser so behandelt, dass Umwelt, Badegewässer und Trinkwasser geschützt werden.

Kroatien hinkt bei der Umsetzung dieser Vorgaben den deutschsprachigen Ländern zeitlich hinterher, vor allem weil es erst 2013 der EU beigetreten ist – also gut 20 Jahre nach Einführung der UWWTD im Jahr 1991. Deutschland und Österreich mussten die Richtlinie bereits in den 1990er und 2000er Jahren umsetzen und haben ihre Kläranlagen in dieser Zeit flächendeckend aufgebaut bzw. modernisiert; Österreich galt früh als voll konform. Kroatien bekam im Beitrittsvertrag längere Übergangsfristen und hatte sich verpflichtet, die zentralen UWWTD‑Artikel bis Ende 2023 vollständig anzuwenden – diese Vorgaben wurden jedoch nicht fristgerecht erreicht. Ein offizieller Bericht hält fest, dass mit einer Verzögerung von etwa zwei bis sieben Jahren gegenüber den im Beitrittsvertrag vorgesehenen Terminen gerechnet wird.

Die Gründe sind vor allem strukturell: Zwischen dem hohen Investitionsbedarf und den verfügbaren Mitteln klafft eine Finanzierungslücke, sodass Projekte im Abwassersektor langsamer umgesetzt werden. Viele Kommunen warten mit eigenen Investitionen auf Zuschüsse aus EU‑Mitteln, was zusätzliche Verzögerungen bringt. Gleichzeitig müssen in vielen Orten Kanalisation und Kläranlagen erst neu aufgebaut werden, während DACH‑Länder meist nur modernisieren. Hinzu kommen die zersplitterte Siedlungsstruktur, Inseln und stark touristisch geprägte Küstenregionen, die Planung, Bau und Betrieb von Anlagen teurer und komplexer machen.

Wenn Yachten Spuren hinterlassen: Schwarz‑ und Grauwasser im Adria-Tourismus

Strand an der Hafenpromenade mitten in Bol, Foto von https://allesgut.hr/

Kroatien ist zugleich eines der wichtigsten Länder Europas für Charterboote und Yachttourismus – doch jeder Törn bedeutet zusätzliche Belastung für die Adria, wenn Fäkalien (Schwarzwasser), Reinigungsmittel (Grauwassser) und Öl- und Treibstoffreste aus tausenden Booten direkt oder unzureichend behandelt ins Meer gelangen. Das Abwasser wird oft von den Bootsbesitzern einfach während der Fahrt aus den Tanks direkt ins Meer „entsorgt“.

Eine überall durchsetzbare Pflicht, Abwassertanks in Häfen zu leeren, besteht also nicht; rechtlich gilt zwar, dass Schwarz‑ und oft auch Grauwasser in Häfen und nahe der Küste nicht ins Meer eingeleitet werden dürfen, aber in Kroatien fehlen dazu klare, flächendeckende Bestimmungen und Annahmestellen.

Adria oder Nordsee: Warum Wasserreichtum allein unsere Meere nicht schützt

Während Kroatien dennoch mit natürlichem Wasserreichtum und überwiegend sehr guter Badegewässerqualität punktet, zeigen auch Beispiele aus anderen Teilen Europas, wie verletzlich unsere Meere sind.

Die Umweltorganisation Greepeace hatte Anfang 2025 an Stränden in Schleswig-Holstein, unter anderem auf Sylt, Meeresschaumproben genommen und in Laboren hohe Konzentration von PFAS-Chemikalien. PFAS, bekannt als „Ewigkeits-Chemikalien“ werden in Alltagsprodukten verwendet, da sie wasser-, fett- und schmutzabweisend sind und chemisch sehr stabil bleiben.

Die gemessenen Werte im Meeresschaum lagen laut dem NDR auf Sylt bei rund 96.000 Nanogramm pro Liter und in St. Peter-Ording bei etwa 58.000 Nanogramm pro Liter, während der dänische Grenzwert für Badegewässer bei nur 40 Nanogramm pro Liter liegt. Diese Werte überschreiten somit den Grenzwert um ein Vielfaches und werfen ernste Fragen zur Umwelt- und Gesundheitsgefährdung auf, da PFAS als krebserregend gelten und sich im Körper sowie in der Umwelt anreichern können. (Quelle: https://www.ndr.de/nachrichten/schleswig-holstein/PFAS-Hohe-Giftstoffbelastung-von-Meeresschaum-im-Norden,pfas146.html)

Ob Adria oder Nordsee: Wenn wir verstehen, wie vielschichtig Wasserreichtum, Infrastruktur und unsichtbare Chemikalien zusammenhängen, können wir bewusster entscheiden – als Reisende, als Bewohner*innen und als Gesellschaft, unsere Meere nicht nur zu bewundern, sondern aktiv zu schützen.