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Wenn die Sprüche kippen:

Warum meine Rolle als Übersetzerin und Gastgeberin immer ein Prüfstein für meine Werte ist und ich meine Grenzen neu ziehen musste

Ich lebe in Kroatien, das außer der schönen Küste vor allem für seine Gastfreundschaft bekannt ist. Als beeidigte (vereidigte) Übersetzerin und Dolmetscherin für Deutsch-Kroatisch arbeite ich mit Menschen, die hier investieren, Urlaub machen oder sich ein neues Leben aufbauen – und öffne ihnen privat wie beruflich meine Tür.

Und wie so viele in Dalmatien vermiete ich eine Ferienunterkunft an Touristen. Sprache ist mein Beruf, Gastfreundschaft mein Alltag: an meinem Tisch sitzen Menschen aus unterschiedlichsten Ländern, in meinen Texten begegnen sich Rechtsordnungen, Kulturen und Lebensentwürfe.

Lange war für mich klar: Eine gute Gastgeberin hält viel aus. Doch je öfter Sprüche kippen desto deutlicher wird mir: Ich muss meine Grenzen in der Gastfreundschaft neu ziehen.

Welche ‚Sprüche‘ muss ein gastfreundlicher Mensch ertragen – und wo fängt Selbstschutz an?

Am Anfang sind da freundliche Begegnungen, zuverlässige Gäste und Kunden, korrekte Zahlungen. Es kommt zu Gesprächen, Treffen, Bekanntschaften, die sich richtig anfühlen. Es entsteht eine gewisse Nähe und manchmal sogar Freundschaft.

Ich bin dankbar, die Gespräche sind zunächst leicht und sehr herzlich. Doch immer öfter kippt die Atmosphäre. Je mehr Zeit wir miteinander verbringen, desto mehr verändern sich die Themen. Plötzlich geht es ständig um Politik: darum, wie „schlimm“ alles in Deutschland ist, um „die unfähigen Politiker“, um „die Ausländer“ etc. Aus gelegentlichen Bemerkungen werden Dauerkommentare. Die Witze werden gröber, die Spitzen schärfer, der Ton selbstverständlicher.

An einem Abend im Restaurant wurde mir das besonders deutlich. Ich hatte unsere Gäste – ein homosexuelles Paar – freundlich am Nebentisch begrüßt, kurz mit ihnen gesprochen und mich dann wieder zu unserer deutschsprachigen Runde gesetzt. Kaum waren sie außer Sichtweite, folgten ein verächtlicher Blick hinterher und ein Schwulenwitz. Zuvor war schon der „Hitler‑Geburtstag“ Thema gewesen. Mir schoss nur ein Gedanke durch den Kopf: Was wäre, wenn sie das gehört hätten? Was sagt das über mich als Gastgeberin, wenn solche Sprüche an meinem Tisch fallen? Ich spürte, wie mir heiß und kalt wurde. Gastfreundschaft und Scham saßen gleichzeitig mit mir am Tisch.

Es geht dabei nicht um „andere Meinungen“, sondern um pauschale Verspottung, Abwertung und das Lächerlichmachen von ganzen Menschengruppen unter Missachtung ihrer Lebensrealität. Wenn gegen Menschen mit sichtbarer oder zugeschriebener Migrationsgeschichte und Minderheiten gesprochen wird, dann ist das für mich nicht abstrakt, sondern biografisch.

Ich war mein ganzes Leben „Ausländerin“ – als Kroatin in Österreich und Deutschland, jetzt als deutschsprachige Kroatin in Kroatien. Wenn jemand über Ausländer schimpft, dann spricht er immer auch über Menschen wie mich. Wenn jemand „Spaß“ über Schwule macht, während ein homosexuelles Pärchen, meine Gäste, eben noch am Nebentisch saßen, dann geht es nicht nur um irgendeine Gruppe, sondern um konkrete Menschen, denen ich gerade ein Zimmer, ein Lächeln und ein Gefühl von Sicherheit gegeben habe. Und wenn jemand lachend erzählt, dass er den „Geburtstag von Adolf Hitler“ feiert, dann berührt das nicht nur Geschichte, sondern die Frage, wie ernst es dieser Person mit Menschenwürde und Gewaltfreiheit wirklich ist, zumal unserer Großeltern und auch Eltern und so viele Menschen massiv betroffen waren. Die Großmutter meines Mannes wurde aus Kroatien in ein Arbeitslager in Deutschland verfrachtet. Sie kam erst nach Jahren lebend zurück und konnte über die Zeit nie sprechen. Die erste Frau und der Sohn meines Großvaters wurden aus Kroatien deportiert. Seinen Sohn hat er erst nach 30 Jahren wieder gesehen, seine Frau nie wieder.

Wenn aus Kritik Deutschland‑Bashing wird

Wer aus Deutschland nach Dalmatien kommt, bringt oft zwei Dinge mit: gute Laune – und schlechte Nachrichten. „Deutschland geht den Bach runter“, „Alles wird teurer“, „Die Politik ist unfähig“ – kaum ein Treffen, an dem nicht ausführlich über die Lage in der Heimat geklagt wird.

Ich verstehe das Bedürfnis, Dampf abzulassen. Aber irgendwann habe ich gemerkt: Diese ständige Negativspirale macht etwas mit mir. Ich lebe in Kroatien – einem Land, das wirtschaftlich und politisch der Bundesrepublik erwiesenermaßen immer nachhinkt. Und ich sitze hier ja auch nicht im Dauermodus und lasse kein gutes Haar an Kroatien.

Kroatien ist kein „Paradies ohne Probleme“, sondern ein Land im Aufholprozess, das gerade eine Phase relativen Aufschwungs erlebt – bei nach wie vor deutlich niedrigerem Wohlstandsniveau. Wenn man die Kennzahlen nebeneinanderlegt, wirkt dieses Draufhauen oder Deutschland‑Bashing wie „Jammern auf hohem Niveau“. Nicht, weil die Probleme nicht real wären, sondern weil oft der Vergleichsmaßstab fehlt.

Kurz gesagt: Die Sorgen in Deutschland sind real – aber sie spielen auf einem Niveau, von dem viele andere Länder, Kroatien eingeschlossen, immer noch nur träumen. Es hilft niemandem, wenn man aus deutscher Perspektive sagt: „Bei euch ist doch alles so entspannt und immer noch günstiger“, als wäre damit alles erklärt. Wie hat eine Deutsche, die wie ich auf der Insel Brač lebt, es formuliert: „Dass ich hier lebe, heisst aber nicht, dass mir immer die Sonne aus dem A…. scheint!

Mir geht es nicht darum, die Kritik an Deutschland kleinzureden. Ich möchte nur sagen, dass es mich manchmal trifft, wenn so getan wird, als wäre die Lage dort hoffnungslos, während ich in einem Land lebe, das wirtschaftlich insgesamt deutlich schlechter dasteht.

Besonders irritierend ist es für mich, wenn gerade Rückkehrer oder Einwanderer aus Deutschland – also Menschen mit eigener Migrationsgeschichte – sich als „bessere“ Migranten inszenieren und sich abfällig über das jeweilige Land – Deutschland oder Kroatien – und andere Migrantengruppen äußern. Dann wird nicht nur ein Land schlechtgeredet, sondern es entstehen neue Hierarchien unter Menschen mit Migrationserfahrungen: die „guten“ und die „schlechten“ Ausländer, die „angepassten“ und die angeblich „problematischen“. Das widerspricht allem, was demokratische Werte und Gastfreundschaft für mich bedeuten.

Auch hier merke ich: Es gibt eine Grenze. Ich kann Verständnis für Frust und Enttäuschung haben – aber ich muss nicht schweigend daneben sitzen, wenn aus persönlichen Erfahrungen eine Bühne für pauschale Abwertung wird.

Es geht mir nicht darum, Probleme zu ignorieren oder ernst gemeinte Sorgen kleinzureden. Ich nehme die Herausforderungen in Deutschland, in Kroatien, überall sehr ernst – steigende Lebenshaltungskosten, politische Unsicherheiten, gesellschaftliche Spannungen, Kriege und Lieferkettenunterbrechungen sind real. Der Unterschied liegt nicht im Thema, sondern im Ton: Sachliche Kritik benennt konkrete Probleme und sucht nach Lösungen. Pauschales Bashing macht ein ganzes Land, eine ganze Gruppe zur Zielscheibe – ohne Differenzierung, ohne Respekt, ohne den Willen zur Verbesserung. Genau diese Grenze ziehe ich.

Ob sich der Spott gegen „die Ausländer“, „die Schwulen“, „Deutschland“ oder „Kroatien“ richtet: Die Mechanik dahinter ist die gleiche. Und meine Grenze auch.

Werte und Gastfreundschaft schützen

Ich habe oft versucht, es anzusprechen. Ich sagte, dass ich über Politik lieber nicht reden möchte. Ich erklärte, dass ich diese Sprüche unlustig finde, dass ich anderer Meinung bin, dass ich mir andere Themen wünsche.

Die Reaktion? Ein Lächeln, ein „Ja, wir wollen ja gar nicht politisieren“ – und kurz darauf ging es genau an der gleichen Stelle weiter. Dieser Satz wurde zur ironischen Einleitung für das Gegenteil dessen, worum ich gebeten hatte.

Mir wurde klar: Es geht nicht mehr darum, dass ich mich nicht klar ausdrücke. Es geht darum, dass Grenzen nicht ernst genommen werden.

In solchen Momenten habe ich gemerkt, wie sehr mich meine eigenen demokratischen Werte tatsächlich leiten – und wie schmerzhaft es ist, wenn sie ins Lächerliche gezogen werden. Im Kern reagieren demokratische Grundhaltungen auf die Erfahrung, was passiert, wenn Macht unkontrolliert ist und bestimmte Gruppen entmenschlicht werden – etwa in Diktaturen oder totalitären Regimen.

Für mich lassen sich demokratische Grundwerte so zusammenfassen: Wir Menschen haben alle den gleichen Wert, deshalb schützen wir die Würde und Rechte aller. Gerade auch von Minderheiten, sie werden nicht einfach überstimmt und fertig. Demokratie bedeutet gleiche Gesetze, unabhängige Gerichte und eine vielfältige, tolerante Gesellschaft. Toleranz ist dabei kein Freibrief, mit dem wir alles durchgehen lassen. Probleme werden ernst genommen, wobei Recht und Ordnung eingehalten werden – aber sie gelten eben für alle gleichermaßen, ohne dass einzelne Gruppen pauschal zum Sündenbock werden. Dafür fühlen wir uns verantwortlich, mischen uns ein und sorgen gemeinsam dafür, dass niemand zur Zielscheibe von Spott, Hass oder Willkür wird.

Diese Werte sind für mich keine abstrakten Schlagworte, sondern eine Art innerer Kompass. Sie helfen mir zu entscheiden, wie ich sprechen möchte, wie ich Gastgeberin sein will, mit wem ich meine Zeit verbringe. Es heißt für mich auch, mich aus respektlosen Umfeldern zurückzuziehen, in denen sich abwertende Sprüche ständig wiederholen.

 Ich kann nicht glaubwürdig Menschen willkommen heißen und gleichzeitig kommentarlos daneben sitzen, wenn andere in meiner Nähe ihre Würde zur Lachnummer machen.

Besonders in meinem beruflichen Umfeld – Immobilien, Tourismus, Beratung – ist es verlockend, aus Geschäftsinteresse zu schweigen. Ich habe aber verstanden: Ich muss nicht ‚mitspielen‘, nur weil andere sich wegducken. Es ist in Ordnung, aus diesem Setting bewusst einen Schritt zurückzugehen.

Als Übersetzerin bewege ich mich täglich in Texten, in denen Menschenwürde, Gleichbehandlung und Rechtsstaatlichkeit nicht nur Worte, sondern Rechtsbegriffe sind. Verträge, Urteile, Verwaltungsakte – sie alle setzen voraus, dass alle Menschen vor dem Gesetz gleich sind und dass Sprache niemanden entmenschlicht. Ich kann diese berufliche Haltung nicht einfach ablegen, wenn ich Gäste empfange und mit Freunden und Bekannten an einem Tisch sitze. Für mich gehören sprachliche Präzision und respektvolle Gastfreundschaft zusammen: Worte können Brücken bauen – oder Mauern.

Warum manche demokratische Grundhaltungen lächerlich machen

Ich beobachte, dass demokratische Werte oft dann verspottet werden, wenn sie autoritäre Wünsche und einfache Feindbilder ausbremsen. Menschenrechte verhindern, dass man „einfach hart durchgreift“ gegen Minderheiten oder „die da oben“. Rechtsstaatlichkeit und unabhängige Medien behindern die Fantasie eines „starken Führers“, der alles allein richtet. Pluralismus und Minderheitenschutz widersprechen der Sehnsucht nach einer homogenen, „reinen“ Nation. Deshalb werden demokratische Haltungen gern als „weich“, „naiv“ oder „links‑gutmenschelnd“ verspottet – um sie zu delegitimieren und ausgrenzende Lösungen attraktiver erscheinen zu lassen.

Wenn jemand Hitler‑„Geburtstage“ feiert oder homophobe Witze macht, stellt er implizit das Gegenteil demokratischer Grundhaltungen in den Raum: Nicht alle sind gleich viel wert, manche sind Witzfigur oder Feindbild. Die Verbrechen eines Regimes, das Demokratie und Menschenrechte abschaffen wollte, werden ins Lächerliche gezogen. Demokratische Erinnerungskultur – dieses leise „Nie wieder“ – ist für solche Leute störend, weil sie daran erinnert, wozu Entmenschlichung und Hass führen. Also macht man sie lächerlich oder nennt sie „Empfindlichkeit“.

Demokratie ist außerdem langsam, mühsam, voller Kompromisse. In Krisen wirkt das unattraktiv. Manche fühlen sich überfordert und abgehängt; dann sind klare Feindbilder – „Ausländer“, „die Grünen“, „Gender“ – verführerisch. Wer diese Feindbilder anbietet, stellt demokratische Grundhaltungen („alle Menschen sind gleich viel wert“, „Minderheiten werden geschützt“) als weltfremd dar. In manchen Gruppen ist es sogar „cool“, über Demokratie, Menschenrechte und Minderheiten zu spotten. Abwertende Witze stärken die Gruppenbindung „wir gegen die anderen“.

Wer widerspricht, stört die Stimmung und wird schnell als humorlos, empfindlich oder „Spaßbremse“ markiert. Damit schützt sich die Gruppe selbst vor Kritik – auf Kosten derjenigen, die demokratische Haltungen ernst nehmen.

Meine Grenze in der Gastfreundschaft

Ich habe lange versucht, diese Spannung auszuhalten: die Wertschätzung für manches an Bekanntschaften und die zunehmende Abwehr gegen kippende Sprüche; das Bild des gastfreundlichen, toleranten Umfelds und das innere Zusammenzucken bei jeder neuen Bemerkung.

Irgendwann habe ich verstanden: Meine Aufgabe ist es nicht, alle Beziehungen zu retten oder jede Stimmung zu tragen. Ich darf für meine Werte, mein Umfeld und mein Wohlbefinden gut sorgen. Für mich bedeutete das konkret: Ich ziehe mich aus solchen Runden zurück. Ich setze mich nicht mehr an Tische, an denen Menschenwürde zum Witzspott wird.

Ich muss mich nicht als stilles Publikum daneben setzen, wenn Sprüche fallen, die allem widersprechen, woran ich glaube. Ich darf sagen: „Ich weiß, du meinst es vielleicht locker, aber für mich ist das kein lustiges Thema.“ Oder: „Ich verstehe, dass du das anders siehst. Für mich ist es trotzdem eine Grenze.“ Ich darf erinnern: „Ich bin ein gastfreundlicher Mensch, und gerade deshalb haben abwertende Sprüche in meinem Leben keinen Platz.“ Und ich darf klar sagen: „Ich weiß, dass du darüber gern reden möchtest. Ich bleibe dabei: Für mich ist das kein Thema mehr für unsere Treffen.“

Gastfreundschaft heißt für mich heute etwas anderes als früher. Sie heißt nicht mehr: alles schlucken, um die Stimmung nicht zu stören.

Die Sprüche, die ich beschrieben habe, sind für mich nicht einfach ‚gekippte Meinungen‘, sondern ein Indikator dafür, wie ernst jemand es mit Respekt, Demokratie und Menschlichkeit meint. Meine Grenzen in der Gastfreundschaft neu zu ziehen, war deshalb keine Laune, sondern eine Notwendigkeit. Ich kann nur dann wirklich offen sein für andere, wenn ich mich selbst nicht ständig übergehe. Wer mit mir zusammenarbeitet oder bei mir zu Gast ist, soll wissen: Gastfreundschaft heißt bei mir, einen Raum zu schaffen, in dem Sprache niemanden zur Zielscheibe macht – auch dann nicht, wenn die Betroffenen gerade nicht im Raum sind.